Vallisaari: Nebliger Inselausflug im Archipel von Helsinki

Vallisaari bei Nebel - fast schon mystische Atmosphäre

[Gastbeitrag von Annika Senger] Suomenlinna ist DAS bekannte Inselausflugsziel für Helsinkibesucher, aber Vallisaari? Zumindest kannte ich die Insel im Archipel der finnischen Hauptstadt bis vor kurzem noch nicht. Dann gibt mir Finnlandexperte René von FinnTouch ein paar wertvolle Tipps für meine Reise, die ich Anfang August nach monatelangem Warten und Sehnen realisiere. Ich bin dankbar, endlich den finnischen Sommer zu erleben. Die frische Luft, die angenehme Wärme, die Helligkeit und natürlich Seen, Wälder und Meer.

Auf nach Vallisaari!

Im Hafen am Marktplatz von Helsinki stechen zahlreiche Ausflugsboote in See. Sie schippern nach Porvoo, zum UNESCO-Weltkulturerbe Suomenlinna oder quer durch die Inselwelt vor der Stadt. Die Reederei JT-Line steuert mehrmals täglich Vallisaari an, mein Ticket für die Hin- und Rückfahrt kostet zehn Euro. Ein günstiger Preis für die Chance, den ganzen Tag von Insel zu Insel zu hüpfen. Immerhin kann man auch auf dem Inselchen Lonna und in Suomenlinna an Land gehen und sich mit einem folgenden Schiff zur nächsten Station bringen lassen.

Ausblick von Vallisaari Richtung Suomenlinna

Ausblick von Vallisaari rüber nach Suomenlinna

Da ich die berühmte Festungsinsel schon Ende Mai 2012 besucht habe, konzentriere ich mich auf Vallisaari, die über einen Damm mit dem kleineren Nachbareiland Kuninkaansaari verbunden ist. Während der etwa 20-minütigen Überfahrt ziehen dichte Nebelschwaden auf. Sie sind so dicht, dass alles, was ungefähr zehn Meter entfernt ist, hinter einer dicken weißen Wand verschwindet. Die Ostsee sei kälter als die Luft, daher der Nebel, erklärt mir mein finnischer Ex-Freund Marko das Wetterphänomen.

Vallisaari seit 2016 für Besucher geöffnet

Erst seit 2016 sind Vallisaari und Kuninkaansaari für Besucher geöffnet. Bis 2008 waren die Inseln militärisches Sperrgebiet, das völlig der Natur überlassen war. 2013 beschloss Metsähallitus Parks & Wildlife Finland schließlich, ein neues Ausflugsziel aus ihnen zu machen. Es gibt zwei Routen für Spaziergänge: die drei Kilometer lange Alexander Tour und die Kuninkaansaari Tour (2,5 Kilometer). Ich wandele als erstes auf den „Spuren“ des russischen Zaren Alexander und finde mich schnell im „Tal des Todes“ wieder. Am 9. Juli 1937 kam es auf Vallisaari zu einer schweren Explosion. Aus bis heute ungeklärten Gründen detonierten mehrere Tonnen Sprengstoff und rissen acht Inselbewohner sofort in den Tod. Vier weitere Menschen starben später im Krankenhaus, andere rannten um ihr Leben. Noch immer werden Ausflügler angewiesen, wegen einer möglichen Explosionsgefahr auf den ausgeschilderten Wegen zu bleiben.

Flora und Fauna auf Vallisaari

Die Natur darf sich auch heute noch entfalten auf Vallisaari

Zum Wohle der Natur sollte dies ohnehin eine Selbstverständlichkeit sein! Am Wegesrand erzählen unterhaltsame Comics auf Finnisch, Schwedisch und Englisch von Vallisaaris bewegter Geschichte. Wie auf Suomenlinna zeugen Bunkeranlagen von Kriegen unter schwedischer und russischer Herrschaft. Schweden und Russland wechselten sich in ihrer Herrschaft über Finnland im Laufe der Jahrhunderte ab. Erst am 6. Dezember 1917 hat der finnische Staat seine Unabhängigkeit erlangt.

Ländliches Leben auf Vallisaari bis 1996

Das Kriegsgeschehen von einst interessiert mich bei meiner Erkundung jedoch weniger. Ich bin gekommen, um in die Natur der Insel einzutauchen. Hummeln schwirren von einer lila Blüte zur nächsten. Gänse watscheln vor den Nebelmauern am Ufer entlang. Im Teich auf Vallisaari, der sich hinter Wald verbirgt, tummelten sich in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts noch badende Insulaner. Wenn sie nicht darin planschten, wuschen sie in ihm auch ihre Wäsche.

Teich auf Vallisaari

Auf der Insel befindet sich ein idyllischer Teich

Damals führte eine Gemeinde von Landwirten auf der Insel ein beschauliches Leben jenseits des nahen Hauptstadttrubels. Es existierte eine funktionierende Infrastruktur mit Schule, Kaufmannsladen, Jugendclub, Theatergruppe und Chor. Für Kinder war Vallisaari ein großer Abenteuerspielplatz. Sie erschufen sich ihre eigene Welt, warfen Steine gegen Fenster und suchten nach dem Eingang eines geheimen Tunnels nach Suomenlinna. Heute ist Baden im Teich verboten, die letzten Inselbewohner verabschiedeten sich im Jahr 1996 und zogen aufs Festland. Beim Lesen dieser alten Geschichten macht sich Wehmut in mir breit – wohl gerade deshalb, weil ich mir auch manchmal einen aus der Zeit gefallenen Rückzugsort wünsche.

Nun findet mein Rückzug hinter Nebel statt. Bei meiner ersten Inselumrundung auf der Alexander Tour ist es nicht einmal möglich, am Ufer das Meer zu erkennen, geschweige denn Suomenlinna. Bei klarer Sicht kann man sich auf Vallisaari und Kuninkaansaari an spektakulären Ostseepanoramen erfreuen. Dafür lotsen die Wegweiser Spaziergänger an verschiedene Aussichtspunkte, zum Beispiel an der pompösen, nach Zar Alexander benannten Festungsanlage. Damit sich meine Enttäuschung in Grenzen hält, laufe ich den Weg noch einmal, als der Nebel langsam abzieht.

Alexanders Festung auf Vallisaari

Nicht nur auf Suomenlinna gibt es Festungsmauern zu besichtigen

Sandstrand auf Kuninkaansaari

Die Zwischenzeit vertreibe ich mir auf Kuninkaansaari (zu Deutsch: Königsinsel). Ihren Namen hat sie dem schwedischen König Gustav III. zu verdanken. Die Bunker, die man dort sieht, stammen von den russischen Besatzern. In unmittelbarer Nähe stürzen sich Einheimische an einem Sandstrand ins kühle Nass. Kühl ist es wirklich, so dass ich mir ein Bad in der Ostsee bis zum nächsten Tag aufhebe. Ich schlendere weiter über den Kiesweg und entdecke einen Zeltplatz. Auf Kuninkaansaari ist Camping erlaubt. Währenddessen ankern Segler mit ihren Yachten in der Marina der beiden Inseln.

Kuninkaansaari Helsinki

Die kleine Insel Kuninkaansaari neben Vallisaari

In der Gewissheit, dass ich bestimmt irgendwann bei blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein nach Vallisaari zurückkehre, nehme ich am Nachmittag ein Ausflugsboot zurück zum Marktplatz von Helsinki. Am Festland erwartet mich Marko, mit dem ich später in Westend im benachbarten Espoo am Strand spazieren gehe. Von Nebel keine Spur mehr!

Annika SengerÜber die Autorin: Annika Senger betreibt den Reiseblog Reise-Liebe, auf dem sie über ihre Erlebnisse in Deutschland und der Welt berichtet. Sie hat bereits einige Finnland-Artikel auf ihrer Website veröffentlicht und wird dies auch in Zukunft tun. Außerdem ist sie Inhaberin des Kroatien-Portals Kroatien-Liebe.

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2 Comments

  1. 1

    Herrliches Inselchen…ich kam an dem Tag mit VikingLine von einem Trip zu den AlandIbseln Mariehamn zurück.
    Ab Tallinn war dadurch Schiff für 3 Std.komplett im Nebel verschluckt bei absoluter Windstille mit 25 C. Sehr speziell…
    Die Skyline von Helsinki mit strahlend blauem Himmel wurde erst hinter Suomenlinna sichtbar

    • 2

      Hallo Christa,

      das hört sich auch nach einem ganz besonderen Erlebnis an. Diese Stadt überrascht uns doch immer wieder! 🙂

      LG,
      René

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