Interview mit Mikko Fritze, Leiter des Finnland-Instituts

Mikko Fritze, Leiter des Finnland-Instituts in Deutschland mit Sitz in Berlin

Mikko Fritze trat Anfang Juni seinen Dienst als neuer Leiter des Finnland-Instituts in Deutschland, Berlin, an, das offiziell nicht nur für Deutschland, sondern die deutschsprachigen Länder Europas – also auch Österreich und die Schweiz – zuständig ist. Der in Tampere geborene Deutsche tritt die Nachfolge von Dr. Laura Hirvi an, die pandemiebedingt noch etwas länger als geplant ihre Tätigkeit in der Berliner Friedrichstraße ausgeübt hatte.

Mikko Fritze – vom Goethe- zum Finnland-Institut

Mikko Fritze beschreitet mit seiner neuen Aufgabe kein absolutes Neuland. Schon seit 1994 arbeitete er für das Goethe-Institut – in insgesamt fünf Ländern. Unter anderem war er von 2010 bis 2017 Leiter des Goethe-Instituts Finnland in Helsinki. Davor leitete er drei Jahre lang die Stiftung Tallinn – Kulturhauptstadt Europas. Ich habe den Vater dreier Kinder in den Räumlichkeiten des Finnland-Instituts getroffen und wir unterhielten uns nicht nur über seine neue Aufgabe, sondern auch Mentalitätsunterschiede zwischen Finnland und Deutschland, die jeweilige Saunakultur und wie die Esten den großen Nachbarn im Norden sehen.

Mikko Fritze, Finnland-Institut

Mikko Fritze hat viele Jahre für das Goethe-Institut gearbeitet (Foto: Bernhard Ludewig/Finnland-Institut)

“Ich finde, ich habe mich super eingelebt“

FinnTouch: Seit dem 01.06.21 bist Du jetzt schon Leiter des Finnland-Instituts in Berlin. Wie hast Du Dich bisher eingelebt in Deine neue Tätigkeit?

Mikko Fritze: Ich persönlich finde, ich habe mich super eingelebt. Ich komme ja aus einem ähnlichen Arbeitsfeld. Trotzdem ist es natürlich so, wie ich mir das auch erhofft habe, dass es neue Inhalte und Herausforderungen gibt. Meine Sprachkenntnisse und Kontakte kommen mir auf jeden Fall zugute. Dennoch fühle ich mich immer noch „neu“. Es macht mir aber eine Menge Spaß, mich da reinzuarbeiten. Es fühlt sich gut an.

FinnTouch: Deine Vorgängerin Dr. Laura Hirvi war pandemiebedingt ein wenig länger im Amt als vorgesehen. Wie stehst Du generell zu der Tatsache, dass die Institutsleitung immer nur für einen bestimmten Zeitraum tätig ist?

Mikko Fritze: Ich glaube, es tut der Institution gut. Alles hat natürlich seine Vor- und Nachteile. Aber grundsätzlich bringt eine neue Person immer neue Kontakte und neue Ideen mit. Gerade Kulturinstitute müssen sich ständig erneuern. Und da ist es nicht verkehrt zu sagen, dass ab und an eben auch die Leute „erneuert“ werden. Für die Mitarbeiter, die bleiben, ist es anderseits auch eine gewisse Herausforderung, sich wieder auf die neue Situation einzustellen. Unter dem Strich finde ich aber, ist diese Regelung von Vorteil.

“Wir entwickeln alles gemeinsam mit dem Team“

FinnTouch: Hast Du schon konkrete Ideen oder Pläne, was Du während Deiner Zeit in Berlin erreichen möchtest?

Mikko Fritze: Ein gutes und interessantes Programm machen! (lacht) Ich habe einen Laden übernommen, der super aufgestellt ist. Nach ein paar Monaten ist es vielleicht zu früh, jetzt etwas in den Raum zu stellen. Natürlich gibt es persönliche Interessen und Themen, die wir angehen möchten. Nächstes Jahr werden wir zum Beispiel über die Sámi-Kultur sprechen. Wir haben zudem einen Schwerpunkt Schweiz in der Form, dass wir dort als Institut einfach sichtbarer werden wollen. Sicherlich wird es auch die eine oder andere Saunaveranstaltung geben. Generell entwickeln wir aber alles gemeinsam mit dem Team. Einige Themen sind zudem auch noch von Laura gesetzt.

FinnTouch: Du hast vorher für das Goethe-Institut an verschiedenen Standorten gearbeitet, zuletzt in den Niederlanden. Inwieweit denkst Du, dass diese Erfahrungen Dir für Deine jetzige Aufgabe nützlich sind?

Mikko Fritze: Massiv! Dadurch, dass ich ja nicht nur in den Niederlanden für das Goethe-Institut tätig war, sondern beispielsweise auch sehr lange in Finnland gearbeitet und einen persönlichen Bezug dorthin habe, gibt es dort ein großes Netzwerk, das ich jetzt aktivieren kann. Mit über 130 Instituten weltweit gibt es zudem auch innerhalb des Goethe-Instituts jede Menge Kontakte, mit denen ich mich austauschen kann. So kann ich Leute, die in einem ähnlichen Feld arbeiten, direkt ansprechen. Wie baue ich Projekte auf? Wie pflege ich Kontakte? Mit all diesen Dingen habe ich durch meine bisherigen Tätigkeiten entsprechende Erfahrungen.

FinnTouch: Es gibt ja einige finnische oder mit Finnland zusammenhängende Institutionen hier in Berlin. Welche davon hast Du schon kennengelernt?

Mikko Fritze: Ich war schon im Finnland-Zentrum und habe dort meine erste „Aamusauna“ (Morgensauna) mitgemacht. Ich habe natürlich die Botschaft besucht, einige der hier lebenden Künstler kennengelernt und mir die Miettinen Collection angeschaut. Ich bin Mitglied von Team Finland. Außerdem habe ich die Firefit-Sauna besucht, eine in ein altes Feuerwehrauto eingebaute finnische Sauna in Berlin-Mitte. Es gibt sicherlich noch mehr, aber für die paar Monate war das, denke ich, schon nicht schlecht.

FinnTouch: Noch ein paar Tipps für Dich: Der Kioski Berlin, wo es zum Beispiel Korvapuusti gibt, und das Saunafloß Finnfloat!

Mikko Fritze: Ja, auf das Floß möchte ich unbedingt und auch der Kioski klingt interessant. Zuletzt war ich leider noch viel mit meinem Umzug beschäftigt, so dass private Aktivitäten etwas warten mussten. Das wird sich aber auch bald ändern!

Mikko Fritze in Finnland

Mikko Fritze im winterlichen Finnland (Foto: Mikko Fritze)

“Die allerbesten Saunen stehen auf Lauttasaari“

FinnTouch: Welche Art von Sauna magst Du eigentlich am liebsten?

Mikko Fritze: Es kommt natürlich immer auf die Ausgangsvoraussetzungen an. Wenn ich wählen kann zwischen einer klitzekleinen, schlecht belüfteten Elektrosauna und einer supergeilen Rauchsauna, dann gehe ich natürlich in die Rauchsauna. Wenn ich aber irgendwo in Berlin bin, wo es ohnehin schon schwierig ist, eine Sauna zu finden, die mir gefällt, dann ist es eine andere Sache. Ich habe gar nichts gegen die deutsche Art, Sauna zu machen, aber es ist eben nicht meine Art.

Ich möchte Aufgüsse selber machen, ich möchte keine Gerüche darin haben, ich möchte keine übermäßigen Regeln. Unter diesen Umständen bin ich auch froh, wenn ich in eine kleine Elektrosauna gehen kann, die vielleicht nicht so toll ist wie eine Rauchsauna oder holzbefeuerte Sauna mit Steg in den See. Die Idealform der Sauna ist auf jeden Fall eine echt gut beheizte Rauchsauna in idyllischer Lage. Die allerbesten Saunen stehen für mich bei der finnischen Saunagesellschaft auf Lauttasaari (Insel in Helsinki). Da hast Du alles, was Du brauchst. Mein absoluter Sauna-Lieblingsplatz!

FinnTouch: Springen wir mal wieder weg von der Sauna hinüber zu Deiner eigenen Geschichte. Du bist ja in Tampere geboren, Deine Eltern sind aber beide Deutsche. Später warst Du auf der Deutschen Schule in Helsinki. Du hast also ziemlich viel Zeit Deines Lebens in Finnland zugebracht. Fühlst Du Dich mehr deutsch oder vielleicht doch sogar finnisch?

Mikko Fritze: Zunächst einmal, zwischen Tampere und Helsinki lagen fünf Jahre Deutschland. Als ich mit sechs Jahren nach Helsinki kam, lernte ich erst Finnisch. Insofern: Ich fühle mich schon ein wenig oder vielleicht sogar gar nicht so wenig finnisch, aber ich bin dennoch Deutscher. Ich komme von Finnland nicht los, spreche Finnisch fast wie ein Finne und einige Dinge haben sich einfach bei mir eingegraben, auch über die Sauna hinaus. Das ist gut so. Es wäre aber vermessen zu sagen, ich wäre mehr Finne als Deutscher. Das stimmt nicht. Beides blockiert sich aber nicht gegenseitig. Wenn ich jetzt nach Finnland zöge, würde sich das Ganze bestimmt nochmal verschieben.

“Helsinki is my second home“

FinnTouch: Welche finnische Stadt lässt heute denn Dein Herz am höchsten schlagen? Vermutlich ist es Helsinki, weil der Bezug zu Tampere wohl nicht so groß sein wird, wenn Du in so jungem Alter dort schon wieder weggezogen bist?

Mikko Fritze: Ja, Helsinki ist meine Stadt in Finnland. Die Stadt, in der ich groß geworden bin. Ich mag Tampere, übrigens auch Turku. Orte, mit denen wir viel gearbeitet haben über das Goethe-Institut. Aber das waren doch immer Stippvisiten. Helsinki is my second home.

Ausblick auf Helsinki vom Wasser aus

Die finnische Hauptstadt ist für Mikko ein zweites Zuhause

FinnTouch: Was, würdest Du sagen, sind die größten Mentalitätsunterschiede zwischen den Deutschen und Finnen, sofern man das so pauschal überhaupt sagen kann?

Mikko Fritze: Ich denke, es gibt schon eine Art Seelenverwandtschaft. Die meisten Leute, die Begegnungen mit Finnland haben, mögen das sehr. Viele sogar so sehr, dass sie immer wieder dorthin zurückkehren. Andersherum ist es genauso. Die Finnen fühlen sich in der Regel hier wohl und berichten zu Hause von einer schönen Zeit. Es gibt also eine gewisse Nähe zwischen den beiden Ländern.

Die Finnen sind aber schon verschlossener. Sie sind nicht so diskussionsfreudig und konfliktfreudig. In Deutschland werden unangenehme Themen grundsätzlich offener angesprochen, was teilweise auch ätzend sein kann. In Finnland dagegen ist es schon anders. Kritische Themen werden wesentlich vorsichtiger angegangen. Gerade finnische Männer sind doch häufig nicht so redselig, also genau das Gegenteil von mir (lacht). Über persönliche Dinge wird in Finnland, speziell unter Männern, nicht so gerne geredet. Die Frauen sind da in der Regel wesentlich offener. Finnland ist ein Land der Gleichberechtigung, in dem Frauen heute schon eine Stellung haben, die sie in Deutschland noch nicht haben.

“Eindeutige Unterschiede gibt es in der Alkoholkultur“

FinnTouch: Das stimmt auf jeden Fall…

Mikko Fritze: Auf der anderen Seite finde ich spannend, was ich regelmäßig auf Festen beobachte. Da sitzen ganz schnell Männer und Frauen jeweils getrennt in Gruppen. Das ist mir immer wieder aufgefallen. Und damit meine ich jetzt nicht, dass die Leute nach Geschlechtern getrennt in die Sauna gehen. Das ist eine Tradition, über die sich streiten lässt, die ich aber gut finde. Die finnischen Männer sind teilweise noch ganz schöne Machos, lieben schnelle Autos und Boote, was wiederum einen Kontrast zum eben Gesagten darstellt.

Eindeutige Unterschiede gibt es in der Alkoholkultur. Es ist schon erstaunlich, wie man in Finnland teilweise Feste feiert. Auch hierzulande ist man ja oft nicht zimperlich, aber dort geht es oft nochmal einen ganzen Schritt weiter. Dennoch kommen die Leute am nächsten Tag mit dickem Kopf zur Arbeit, wo sie sich in Deutschland vermutlich eher krankmelden würden.

In meinen Augen sind die Finnen generell pünktlicher und zuverlässiger als die Deutschen. Wenn wir vereinbaren, wir spielen Eishockey um 12 Uhr, dann sind die Leute auch um 12 Uhr da. Spannend finde ich, dass einerseits das Leben richtig krass reglementiert ist, es auf der anderen Seite aber all diese positiv Verrückten und kreativen Menschen gibt, die zum Beispiel Festivals organisieren, von denen man selbst hier teilweise nur träumen kann.

Mikko Fritze und René Schwarz (FinnTouch)

Mikko und FinnTouch-René nach dem Interview in den Räumlichkeiten des Finnland-Instituts

“Die Esten sind, wie die Finnen, sehr pragmatisch“

FinnTouch: Du hast auch schon in Estland gelebt, das Land, das von Sprache und Kultur Finnland am ähnlichsten ist. Wie hast Du es vor Ort erlebt? Orientieren sich die Menschen sehr an Finnland oder wie ist die allgemeine Einstellung der Esten?

Mikko Fritze: Darüber könnten wir ein ganzes Interview machen (lacht). Es hat so ein bisschen was von „kleiner Bruder, großer Bruder“. Man orientiert sich schon an Finnland, dann aber auch nicht, weil man protestieren möchte. Die Esten sind, wie die Finnen, sehr pragmatisch. Sie mögen die Finnen, aber es gibt eben auch die Bestrebung, eigene Sachen durchzusetzen. Alleine schon geographisch und historisch gesehen sind die Esten näher dran an Mitteleuropa als die Finnen. Sie müssen also nicht nur nach Finnland gucken, um voranzukommen, sondern der Blick Richtung Berlin beispielsweise und auf die anderen baltischen Staaten ist da. Unter dem Strich gesagt: Es ist keine reine Bewunderung, sondern die Esten versuchen auch ihr eigenes Ding zu machen.

Was ich heute noch erstaunlich finde, ist, wie wenig viele Finnen immer noch über Estland wissen. Das zeigt teilweise schon eine gewisse Überheblichkeit, die sich beispielsweise auch in negativen Auswüchsen des Tourismus zeigt. Andererseits fliegen junge Finnen oft lieber nach Berlin, als In-Viertel in Tallinn zu besuchen. Obwohl eine sprachliche Nähe gegeben ist, stellt sich die Sprachbarriere doch als größer heraus, als man denken mag. So kommunizieren Finnen und Esten heute häufig auf Englisch miteinander. Was ich noch hinzufügen muss: Die Esten haben eine richtig gute Saunakultur! Also noch ein verbindendes Element.

FinnTouch: Eine Frage habe ich noch zum Schluss: Kannst Du Dir vorstellen, nochmal in Finnland zu leben und zu arbeiten?

Mikko Fritze: Ja, ich kann mir das schon vorstellen.

FinnTouch: Vielen Dank für das interessante Gespräch und viel Erfolg für Deine Tätigkeit als Leiter des Finnland-Instituts in Berlin!

Mehr über die Arbeit des Finnland-Instituts im deutschsprachigen Raum erfährst Du auf der offiziellen Website oder auf den Social-Media-Kanälen Facebook, Instagram, Twitter und LinkedIn sowie auf dem YouTube-Kanal des Finnland-Instituts.

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2 Comments

  1. 1

    Interessanter Artikel! Ich arbeite , insbesondere wenn es um Lesungen geht, gern mit dem Finnlandinstitut zusammen und wünsche Mikko eine erfolgreiche und inspirierende Zeit in Berlin.
    Für die Saunatipps in Berlin und Lauttasaari bin ich als Saunafan sehr dankbar!

    Liebe Grüße aus Potsdam, der Partnerstadt von Jyväskylä,
    Alex

    • 2

      Lieber Alex,

      vielen Dank für Dein Feedback! Es war sehr schön, Mikko zu treffen und sich mit ihm auszutauschen.

      LG,
      René

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