Der FC Germania Helsinki – mehr als nur ein Fußballclub

Die Mannschaft des FC Germania Helsinki Foto: FC Germania Helsinki

Es ist ein schöner Sommertag in der finnischen Hauptstadt, als ich mich auf den Weg zum größten reinen Fußballstadion des Landes mache. Die Telia 5G Areena, vorher als Finnair Stadium und Sonera Stadium bekannt, ist normalerweise die Heimat von HJK und HIFK, den beiden großen Helsinkier Clubs. Doch heute tritt hier ein Verein an, der ein bisschen anders ist als alle anderen. Der FC Germania Helsinki wurde einst als Folge einer Schnapsidee gegründet – heute tritt er im großen Stadion in einem Freundschaftsspiel gegen eine Auswahl des finnischen Außenministeriums an.

Ein Stück deutsche Fußballkultur in Helsinki

Als ich zusammen mit FinnTouch-Leserin Noa nach einem kleinen Spaziergang im Stadion ankomme, hat das Match bereits kurz zuvor angefangen. Auf dem Kleinfeld treten die beiden Teams zwei Mal 25 Minuten gegeneinander an. Wie Du bereits erahnen wirst, bei den Kickern des FC Germania Helsinki handelt es sich nicht etwa um Vollprofis, sondern der Spaß steht hier im Vordergrund. Dementsprechend gemächlich gestaltet sich das Geschehen auf dem Kunstrasen vor „nahezu ausverkauftem“ Haus. Und doch geben die Jungs des FC Germania den Ton an. Diese Jungs, die für ein Stückchen deutsche Fußballkultur in Helsinki gesorgt haben…

FC Germania Helsinki – eine Schnapsidee wird ganz real

Schon zur Halbzeit deutet sich an, wer hier die Nase vorne hat. Am Ende steht ein ruhmreicher 2:0-Erfolg der „Germanier“ und dieser Triumph wird auf dem Spielfeld auch noch ausgiebig gefeiert, während die finnischen Gegner nach einer höflichen Verabschiedung längst in den Kabinen verschwunden sind. Bei einem Schluck kühlem deutschen Bier treffe ich die Mitbegründer Tim aus Chemnitz und Micha aus Ludwigsburg. Wir unterhalten uns darüber, wie der FC Germania Helsinki eigentlich entstand und wohin es zukünftig noch gehen soll.

„Seit zwölf Jahren gibt es hier in Helsinki einen Stammtisch von Saksalaiset.fi, ein Internetforum für Deutsche und Deutschsprachige in Finnland. Als es an einem Abend im Jahre 2015 schon später war, kam mir die Idee, dass wir doch eigentlich mal einen deutschen Fußballverein gründen sollten, so wie es das beispielsweise auch für andere Nationen gibt“, erläutert Micha. „Der Name FC Germania wurde noch am gleichen Abend festgelegt. Er steht für große Ambitionen mit einem gewissen Augenzwinkern und passt einfach gut zu uns, da wir auch eine sehr lustige Truppe sind“. Das Erkennungsmerkmal des Stammtisches, die Vuvuzela in schwarz-rot-goldenen Farben, schaffte es denn auch direkt bis ins offizielle Vereinswappen.

FC Germania Helsinki in der Telia 5G Areena

Große Bühne für den FC Germania: Hier spielt sonst HJK Helsinki um die finnische Meisterschaft

Mit dem Mercedes-Stern auf der Brust

„Über Facebook und das Forum machten wir Werbung für unsere Idee, so dass beim ersten Training tatsächlich immerhin neun Leute auf dem Platz standen“, berichtet Micha mit einem gewissen Stolz. Ein paar der Jungs kannten sich zu diesem Zeitpunkt bereits, andere stießen neu dazu und mussten erst einmal zusammenfinden. Doch es herrschte stets ein guter Spirit und so wuchs das Projekt immer weiter. Mittlerweile ist der FC Germania Helsinki sogar ein eingetragener Verein mit über 40 Beitrag zahlenden Mitgliedern. Den Vorstand bilden Micha, Tim und Oli, der auch von Anfang an mit dabei ist und aktuell die Position des Trainers innehat. Der Frankfurter, den die Liebe 1995 als Student nach Finnland verschlug, ist sogar im Besitz eines offiziellen finnischen Trainerscheins.

Auf seine Sponsoren ist der FC Germania besonders stolz. Mit Veho konnte der große finnische Importeur von Mercedes-Benz als Trikotsponsor gewonnen werden, so dass der Mercedes-Stern auf der Brust der Kicker prangt. „Im Nachhinein betrachtet ist der Stern im Vergleich zu unserem Wappen vielleicht ein bisschen groß geraten“, lacht Micha. „Aber wir waren ganz einfach so stolz darauf“. Als weiterer Hauptsponsor unterstützt die Lübecker Spedition Bruhn den Verein.

FinnTouch meets FC Germania Helsinki

FinnTouch-René im Gespräch mit Vereinsmitbegründer Micha (Foto: FC Germania Helsinki)

Eines Tages erste Liga?

Die erste Mannschaft des FC Germania Helsinki tritt in der Helsinkier Hobby-Liga im Modus „7 gegen 7“ an und duelliert sich hier mit anderen Hobbyteams. Seit 2018 gibt es sogar eine zweite Mannschaft, die eine Klasse tiefer spielt. Wohin soll das alles noch führen? Wer auf die Website des FC Germania geht, findet hier den Slogan „Veikkausliiga, wir kommen!“ – das ist die erste finnische Fußballliga. Der Spruch prangt auch auf dem im Online-Fanshop erhältlichen Vereinsschal, mit der Ergänzung „Se joukkue“. Das bedeutet „Die Mannschaft“, eine liebevolle Anspielung auf die DFB-Elf.

Hegen die engagierten Freizeitfußballer am Ende tatsächlich höhere Ambitionen? „Derzeit spielen wir meist auf einem Platz im Stadtteil Kallio. Das trifft sich ganz gut, da sind viele Kneipen drumherum…“ lacht Tim. „Aber wir haben natürlich auch Fans, die Erwartungen an uns haben. Unser Schlagwort war von Anfang an, dass wir 2030 in der Veikkausliiga sind. Das haben wir mal so ausgerechnet. Dann sitzen wir selbst auf der Tribüne mit dicker Zigarre und schauen uns das Geschehen an“, visioniert der Funktionär mit einem schelmischen Grinsen.

„Ich persönliche sehe Germania als soziale Initiative, die Leute zusammenbringt, die gerne Deutsch sprechen und Spaß am Fußball haben. Es gibt aber auch einige, die sehr ehrgeizig und leistungsorientiert sind und den Verein mittel- bis langfristig weiter hochbringen möchten“, führt Micha aus. „Das ist der Spagat, den wir schaffen müssen. Wir werden sehen, wie es sich entwickeln wird und schließen grundsätzlich erstmal nichts aus!“ Als nächstes wird erst einmal ein gemeinsames Turnier mit Turbine Turku und Teutonia Tampere in Erwägung gezogen – ähnliche Projekte von Deutschen in diesen finnischen Städten, die jedoch keinen Vereinsstatus haben.

Zahnfahne FC Germania Helsinki

Auch eine Zaunfahne mit dem Wappen des Clubs gibt es!

Engagement über den Platz hinaus

Nicht nur auf dem Fußballplatz präsentiert sich der FC Germania Helsinki selbstbewusst. Auch über den grünen Rasen hinaus zeigen die Vereinsmitglieder Engagement in vielerlei Hinsicht. So wurde anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft kurzerhand ein Public Viewing mit der deutschen Gemeinde in Helsinki organisiert. Es gibt Karaokeabende und beim regelmäßig stattfindenden „Ravintolapäivä“ (Restauranttag) waren die Jungs schon mehrmals mit ihrem FC Germania Stadiongrill mit dabei. Dort wurden sie sogar vom damaligen deutschen HJK-Torwart Thomas Dähne angesprochen, der fortan einige Male die Spiele der „Germanier“ besuchte und sogar bei der Vereinsgründung anwesend war.

FC Germania Helsinki vs. Finnisches Außenministerium

Mit voller Leidenschaft dabei: Der FC Germania Helsinki beim Spiel gegen die Auswahl des finnischen Außenministeriums (Foto: FC Germania Helsinki)

Nicht nur deutsche Staatsbürger dürfen mitmachen

In den Vereinsstatuten wurde frühzeitig festgehalten, dass es sich beim FC Germania Helsinki um einen Club für „Freunde der deutschen Sprache“ handelt. So findet das Training auf Deutsch statt und eine Verständigung in dieser Sprache sollte möglich sein. Allerdings sind nicht nur deutsche Staatsbürger willkommen. Ob Schweizer, Österreicher, Holländer oder andere Nationalitäten – alle dürfen mitmachen. „Pässe müssen bei uns keine vorgezeigt werden“, stellt Micha klar. Von 16 bis über 50 reicht die Altersspanne in der Mannschaft.

Die Fluktuation im Team ist relativ hoch. Teils sind es Studenten, teils Bauarbeiter, die nur für eine kurze Zeit im Land und in der Stadt sind und beim FC Germania eine nicht nur fußballerische Heimat finden. Auch Schüler der deutschen Schule gehören zum Kader. Andere wiederum wohnen fest in Helsinki und gehören seit Jahren zum Inventar.

Vorstand des FC Germania Helsinki

Oli, Tim und Micha – das Vorstandsteam des FC Germania

„Vom Juristen bis zum Arbeitslosen ist bei uns wirklich alles dabei“, so Tim. „Das ist das Schöne am Fußball, dass Leute aufeinander treffen, die sich im sonstigen Leben vermutlich niemals begegnet wären“. Ein passendes Schlusswort, das die verbindende Kraft dieses Mannschaftssports hervorragend umschreibt. Ich verabschiede mich von den Jungs, die nun direkt zur Vorbereitung ihres Public Viewings eilen müssen. Der FC Germania Helsinki ist eben mehr als nur ein Fußballclub.

Fanschal des FC Germania Helsinki

„Se joukkue“ („Die Mannschaft“) steht auf dem Fanschal des Clubs (Foto: FC Germania Helsinki)

Du lebst in Helsinki und möchtest selbst mal beim Training reinschnuppern? Oder willst Dir bei Deinem Besuch in der Stadt einfach mal ein Spiel ansehen? Alle aktuellen Infos rund um den Verein findest Du auf seiner Website, bei Facebook und Instagram.

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