Zweisprachig aufwachsen – Geschenk oder Belastung?

Als Erwachsener eine fremde Sprache zu erlernen ist für die meisten von uns nicht gerade einfach. Je älter man ist, desto schwieriger wird es, so heißt es. Gerade das Finnische, das sich für deutsche Ohren doch sehr fremd anhört, gilt als eine der größten Herausforderungen überhaupt. Dennoch wagen sich immer mehr Menschen allen Altern an diese Aufgabe. Das finde ich wahnsinnig bewundernswert und ich ziehe meinen Hut vor jedem, der das Abenteuer „Finnisch lernen“ in Angriff nimmt. Ich selbst kann nur erahnen, WIE schwierig das sein mag.

Konsequent von Anfang an

Als ich im März 1982 im Berlin-Spandauer Waldkrankenhaus das Licht der Welt erblickte, stand für meine Eltern bereits fest: Der Junge wird zweisprachig aufwachsen. Und so kam es dann auch. Während mein Vater mit mir ausschließlich auf Deutsch kommunizierte, redete meine Mutter nur Finnisch mit mir. „Wie toll“, „was für ein Geschenk“, „ich beneide dich so“ – das sind Kommentare, die ich heute überwiegend zu diesem Thema zu hören bekomme. Doch das war nicht immer so.

Schwierigkeiten in der Grundschule

Schon als ich zwei Jahre alt war, beschlossen meine Eltern von der Hauptstadt in den südhessischen Odenwald zu ziehen. Eine landschaftlich gesehen wunderschöne Gegend, keine Frage. Aber eben doch ein Kontrast zu einer Millionenstadt, in der sich unzählige Nationalitäten und Kulturen tummeln und so ein halber Finne gar nicht weiter auffallen würde. Ich wuchs hier also ziemlich behütet auf, war als Kind eher ruhig und introvertiert. Dennoch klappte es mit der zweisprachigen Erziehung hervorragend. Weder hatte ich mit dem Deutschen irgendwelche Schwierigkeiten, noch kam ich bei Begriffen durcheinander. Auch das Finnisch sprechen klappte hervorragend, da meine Mutter dies sehr konsequent durchzog.

Vielleicht ein wenig zu konsequent? So zumindest war es nach einiger Zeit meine Empfindung, denn es war mir in der Grundschule bei diversen Schulfesten und ähnlichen Veranstaltungen unglaublich unangenehm, wenn mich meine Mutter auf Finnisch rief und die anderen Kinder mich teilweise ganz entgeistert anstarrten. Mein Selbstbewusstsein war damals ganz einfach noch nicht so ausgeprägt, dass ich hätte sagen können „Pfeif auf das, was die anderen denken“. So entwickelte ich unterbewusst mehr und mehr einen Groll gegen meine Mutter, die es ja im Endeffekt nur gut meinte.

Als kleiner Junge auf dem Puula-See nahe Mikkeli

Als kleiner Junge auf dem Puula-See nahe Mikkeli

Die heile „mökki“-Welt als Kontrast

Während ich mit dem Odenwald nie so wirklich warm wurde, war meine Vorfreude auf die alljährlichen Sommerurlaube in Finnland von Mal zu Mal größer. Hier musste ich nicht fürchten, von den anderen Kids schief angeschaut zu werden, wenn ich Finnisch sprach. Aber auch das Land an sich faszinierte mich von jüngster Kindheit an. Hier fühlte ich mich heimisch und geborgen. Auch wenn die heile „mökki“-Welt sicherlich auch ein Stück weit eine eigene Realität darstellte, hat sie mich bis heute unglaublich geprägt.

Eins zu sein mit der Natur, auf dem Steg liegen und dem Wind und den Möwen lauschen, die vorbeiziehenden Wolken beobachten und dabei einfach so sein zu können, wie man ist. Das machte für mich Finnland aus. Und natürlich freute ich mich auch wahnsinnig, dass ich hier meine Sprachkenntnisse ohne Hemmungen einsetzen konnte. Zumindest theoretisch. Denn ganz praktisch war ich damals leider unglaublich schüchtern und traute mich kaum ein Wort zu sagen. Als hoffnungsloser Perfektionist hatte ich immer irgendwie Angst, es nicht ganz korrekt zu sagen, und ließ es dann lieber ganz. Dennoch genoss ich jeden Urlaub von der ersten bis zur letzten Minute und war stets todtraurig, wenn wir mit der Fähre wieder in Turku oder Naantali ablegten.

Geliebtes zweites Heimatland

So gingen die Jahre ins Land, ich besuchte schließlich das Gymnasium und lernte dort nach und nach auch ein paar Leute kennen, die das richtig „cool“ fanden, dass ich gleich zwei Muttersprachen hatte. Das kindliche Schamgefühl hatte sich irgendwann komplett verflüchtigt, die Faszination war geblieben. Inzwischen hatte ich mir sogar eine finnische Sportzeitung nach Deutschland bestellt, die ich jede Woche verschlang. Außerdem lauschte ich an meinem Kassettenrecorder gebannt den finnischen Radiosendungen, die über Mittelwelle mehr schlecht als recht zu empfangen waren. Ja, damals gab es noch kein Internet und keine Livestreams in HD-Qualität!

Als Finnland 1995 zum ersten Mal Eishockey-Weltmeister wurde, kaufte ich mir auf dem Markt in Savonlinna ein T-Shirt, das später auch in Deutschland stolz getragen wurde. Egal um welche sportlichen Wettkämpfe es ging, ich hatte mit den Deutschen und den Finnen immer zwei Eisen im Feuer. Wobei ich zugeben muss, dass ich nicht selten sogar mehr zu den Finnen hielt und halte. Ein kleines Land, das mit begrenzten Ressourcen und dafür umso mehr Willenskraft schon einiges erreicht hat – das war und ist mir einfach sympathisch. Man könnte sagen, dass ich diese Einstellung zu den Dingen auch auf andere Bereiche und mein eigenes Leben übertragen habe. Und wenn alle sagen, du schaffst das nicht – mit der typisch finnischen „sisu“ kannst du es eben doch schaffen.

Am Lieblingsmökki die Ruhe genießen

Am Lieblingsmökki die Ruhe genießen

Kiitos, äiti!

Als ich den Entschluss gefasst habe, diesen Blogpost zu schreiben, war mir klar, dass es ein sehr persönlicher Beitrag werden würde. Und dass es teilweise nicht leicht werden würde, die Zeilen in den Computer zu tippen. Doch ich denke, es ist wichtig, einmal beispielhaft aufzuzeigen, was jemanden beschäftigt, der zweisprachig aufwächst. Und zwar sowohl die positiven als auch die negativen Aspekte. Denn ja, die innere Zerrissenheit war gerade als Kind schon bisweilen sehr präsent – auch wenn sie eher von äußeren Umständen ausgelöst wurde. Dennoch bin ich meinen Eltern und insbesondere meiner Mutter unermesslich dankbar dafür, dass sie diesen Weg dennoch so unbeirrt mit mir gegangen sind. Kiitos, äiti!

Der größte Reichtum dieser Erde

Heute habe ich viele Freunde und Bekannte in Finnland, gehe – zumindest für meine Verhältnisse – mutig auf die Leute zu und freue mich jedes Mal, wenn ich die Sprache benutzen kann. Auch wenn es klischeehaft klingen mag, aber ich denke, die eine oder andere finnische Eigenschaft steckt durchaus in mir. Dass ich die Sprache sehr gut beherrsche, hat mir einige Türen geöffnet und ist mir natürlich auch bei der Realisierung dieses Blogs eine riesengroße Hilfe. Ein Lebenstraum wird hier wahr und so kann ich Dir nur ans Herz legen: Falls Du mit dem Gedanken spielst, Deine Kinder zweisprachig zu erziehen, dann tu es! Wenn es nicht funktioniert oder sie es nicht annehmen, ist es eben so. Aber wenn es klappt, werden sie Dir höchstwahrscheinlich ewig dankbar sein. Ganz egal ob nun Finnisch oder eine andere Sprache – es gibt kaum einen größeren Reichtum auf dieser Erde, als die Kenntnisse quasi geschenkt zu bekommen.

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16 Comments

  1. 1
  2. 3

    Hei Rene,
    kiitos tästä kirjoituksesta! Toivon, että omat lapsenikin joskus ajattelevat näin. Tämä antaa taas uskoa jatkaa sitkeästi oman äidinkielen puhumista 🙂

  3. 7

    Ich bin auch sehr dankbar, dass unsere Eltern uns Kinder zweisprachig haben aufwachsen lassen, dass das auch geklappt hat! Noch heute verwenden meine Schwester und ich ab und zu unsere „Geheimsprache“, oft reicht auch nur ein finnisches Wort ☺
    Schön, dass deine „Sprachreise“ noch eine Wendung zum Guten hatte. Ich hatte zum Glück diese Schwierigkeiten nicht, obwohl ich als Kind auch eher introvertiert war.

    • 8

      Moi liebe Eeva,
      vielen Dank für Dein nettes Feedback! Als „Geheimsprache“ ist das Finnische tatsächlich ab und an ziemlich praktisch, praktiziere ich mit meiner Schwester auch gerne heute noch 😉 Viele Grüße und schöne Feiertage Dir und Deinen Lieben noch!

  4. 9

    Kiitos Rene, oli todella mielenkiintoista lukea kokemastasi kahden kielen ja kahden kulttuurinkin keskellä. Minulla itselläni on 3 tytärtä (30, 28 ja 21) ja hekin ovat saaneet kasvaa kaksikielisiksi. Suosittelen sitä, se kannattaa aivan varmasti! Ennen kaikkea ei kannata luovuttaa, vaikka lapset jossain vaiheessa rupeaisivatkin vastaamaan saksaksi suomea puhuvalle vanhemmalleen. Itsekin olen tilanteesta riippuen puhunut saksaa heille ja he minulle ja voin kokemuksesta kertoa, että ei siitä kenellekään ole ollut haittaa. Lasten on ollut helpompi kertoa esim. koulussa tapahtuneista asioista saksaksi, eikä se silti ole estänyt tai jarruttanut suomenkielen oppimista millään lailla. Samoin heidän on ollut helppoa oppia koulussa muitakin kieliä näiden kahden kotona puhutun kielen lisäksi.
    Hyvää pääsiäistä!

    • 10

      Hei Marikka,
      kiitos sinulle palautteestasi ja hienoa kuulla, että tyttäresikin puhuvat hyvin suomea. Nostan hattua, se on tosiaankin loistava suoritus! Sinulle ja perheellesikin Hyvää pääsiäistä! 🙂

  5. 11

    Hallo René,

    das ist ja ein interessanter Eintrag! Die „heile Mökki-Welt“ und der Sommer am Puula-See sind mir so vertraut. Für die Zweisprachigkeit beineide ich dich allerdings umso mehr 😀

    • 12

      Hallo mein Lieber,
      vielen Dank für das Lob! Ja, die gute „heile Mökki-Welt“, da könnte ich auch mal wieder hin 🙂

  6. 13

    Hallo Rene, danke für diesen Post! Wir stecken gerade als Eltern in genau dieser Situation. Unsere 1 1/2 jährige Tochter soll zweisprachig (deutsch/finnisch) aufwachsen. Natürlich macht man sich Gedanken, welche Auswirkungen das auf das Kind hat und ob es gut für sie ist.
    Dein Artikel bestärkt uns darin, dass es der richtige Weg ist, zeigt aber auch sehr schön, was in einem Kind vorgeht. Das hilft uns auf eventuelle Signale von ihr zu achten.
    Viele Grüße!

    • 14

      Hallo Simone!
      Vielen Dank für das ausführliche Feedback. Über solche Rückmeldungen freue ich mich natürlich immer sehr 🙂 Und vor allem schön zu hören, dass euch der Artikel sogar konkrete Hilfestellung für eure Erziehung geben konnte. Ich drücke euch natürlich die Daumen, dass es alles bestmöglich funktioniert. Man kann es nie wissen, wie die Kinder es annehmen. Aber versuchen sollte man es auf alle Fälle, wie ich finde!
      Liebe Grüße,
      René

  7. 15

    Schön, das von einem Erwachsenen zu lesen. Ich habe zwei Jungs auch nach der Scheidung von deren Vater so gut wie möglich weiterhin zweisprachig Deutsch und Englisch erzogen, was nicht einfach war (obwohl ich selbst Übersetzerin und Dolmetscherin bin), aber zumindest einer von Ihnen ist fließend im Englisch und sehr dankbar (jetzt mit 21 Jahren), dass Mama das durchgehalten hat. (Und dass ich jetzt Finnisch lernen will, findet er auch cool)

    • 16

      Hallo Petra,
      danke für das Lob und Deinen persönlichen Erfahrungsbericht. Es ist wirklich kein leichtes Unterfangen, aber hinterher können alle Beteiligten davon nur profitieren 🙂 Viel Erfolg beim Finnisch lernen!
      LG,
      René

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